Tell me about yesterday tomorrow

Eine Ausstellung des NS-Dokumentationszentrums München über die Zukunft der Vergangenheit
28|11|2019–30|08|2020 

 

“The purpose of art is to lay bare the questions that have been hidden by the answers.” (James Baldwin)

 

Die Ausstellung Tell me about yesterday tomorrow bringt zeitgenössische Kunst in einen Dialog mit der Erinnerungsarbeit des NS-Dokumentationszentrums München. Werke von über 40 internationalen Künstler*innen beschäftigen sich vor dem Hintergrund der historischen Ausstellung mit der Deutung von Vergangenheit und deren Anknüpfung an unsere heutige Zeit. Die zu einem großen Teil neuen Arbeiten öffnen den Blick auf globale Lebensrealitäten, erweitern die deutsche Geschichte um internationale Perspektiven und spannen vielstimmige Erzählungen von Vergangenem und Zukünftigem auf. Vermittelt durch die Medien Malerei, Fotografie, Installation, Video oder Performance vermitteln Künstler*innen unterschiedlicher Generationen, aus der Zeit des Nationalsozialismus bis heute, vielgestaltige Bilder von Geschichte, die ebenso von individuellen Erfahrungen wie von strukturellen Zusammenhängen berichten. Dabei handelt es sich sowohl um ausgewählte künstlerischen Werke aus der NS-Zeit und der letzten Jahrzehnte sowie neue, eigens für diesen Kontext entworfene Arbeiten.

 

Wie bedeutsam die Geschichte für unsere Gegenwart und Zukunft ist, erfasste der Historiker John Henrik Clarke mit einem treffenden Bild: “History is a clock that people use to tell their political and cultural time of day. It is also a compass that people use to find themselves on the map of human geography. History tells a people, where they have been and what they have been, where they are, and what they are. Most important, history tells people where they still must go, what they still must be.” (John Henrik Clarke,1996)

 

Historische Ereignisse und unser Wissen darüber prägen unser Verständnis der heutigen Welt sowie unsere Vorstellungen von Zukünftigem. Gedenken im Sinne eines kollektiven Erinnerns ist eng mit den Erfahrungen von Gegenwart verbunden. Aus diesem Grund kann niemals eine abschließende Bilanz gezogen werden, und Geschichte muss immer wieder hinterfragt und neu kontextualisiert werden. Dabei stellen sich auch Fragen danach, wer Vergangenheit vor welchem Erfahrungshorizont deutet. Welche Geschichten werden erzählt und wessen Geschichten werden gehört – oder werden bewusst oder unbewusst verdrängt? Wie gehen wir mit Vielstimmigkeit und Ambivalenz um?

 

Die in Tell me about yesterday tomorrow versammelten Kunstwerke widmen sich einer Vielzahl von Themen: dem Wiedererstarken von Nationalismus, Rassismus oder Antisemitismus; der gewaltvollen Ausbeutung von Mensch und Natur, den kulturellen wie politischen Auswirkungen von Krieg, Unterdrückung und Trauma, sowie der Darstellung nationaler Mythen. Sie erzählen davon, wie gesellschaftliche Gruppen emotional mobilisiert werden, indem Ängste ebenso wie Sehnsüchte heraufbeschworen werden, wie Menschen als „Andere“ stigmatisiert und kollektive Narrative zugunsten politischer Ideologien vereinnahmt werden. Die internationale Perspektive der Ausstellung trägt der globalen Dimension dieser krisenhaften Erscheinungen Rechnung.

 

Für die Zukunft unserer Demokratien spielt Erinnerungskultur eine unerlässliche Rolle. Sie schafft nicht nur ein Bewusstsein für die historischen Bedingungen, die zu Ausgrenzung, Abwertung und Zerstörung führten, sondern auch für unsere Verantwortung, dass sich diese von Menschen geschaffenen und beeinflussten Prozesse nicht wiederholen. Vor dem Hintergrund des Erstarkens rechtspopulistischer, autokratischer und faschistischer Tendenzen weltweit ist die Reflektion von Geschichte wichtiger denn je. Es gilt, aus der historischen Erfahrung heraus Visionen für ein offenes, gesellschaftliches Zusammenleben zu entwickeln und dabei auf die positiven Werte zu verweisen, die seit der Überwindung der Diktatur entstanden sind – ein Potential, das Hannah Arendt als das größte und grundlegendste des Menschen verstand: die Fähigkeit zu überdenken, neu zu denken und etwas zu schaffen, was vorher nicht war.

 

Entstanden in enger Zusammenarbeit zwischen Kunst und Geschichtswissenschaft, adressiert Tell me about yesterday tomorrow die Komplexität von Geschichtsschreibung und bietet die Chance, deutsche Vergangenheit im Kontext internationaler Entwicklungen zu betrachten. Als Möglichkeit des politischen Denkens ergänzt die Kunst die historische Erinnerungsarbeit und bietet Reflektionen zur Bedeutung und Zukunft einer gemeinsamen, transnationalen Erinnerung an.

 

Der Blick zurück wird zum Blick nach vorn. Er verweist auf das, was einmal war und was sein kann – nicht als vereinfachende Gleichsetzung von historischen und gegenwärtigen Ereignissen, sondern um zu sensibilisieren, für das, was ähnlich ist und was wir aus der historischen Erfahrung lernen können. Insofern bietet die Ausstellung keine abgeschlossene, lineare Abhandlung an, sondern zeichnet ein komplexes Bild vergangener wie aktueller Wirklichkeiten. Dabei werden auch Ambivalenzen menschlichen Handelns oder diffuse Tendenzen spürbar, die sich noch nicht eindeutig benennen lassen. Tell me about yesterday tomorrow stellt Verbindungen zwischen Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem her, um daran zu erinnern, dass Geschichte immer nachwirkt und wir sensibel sein sollten, Ähnlichkeiten zu erkennen, damit sich Unheilvolles nicht wiederholt. 

projektteam

Direktorin Mirjam Zadoff
Künstlerische Leitung Nicolaus Schafhausen
Assistenzkuratorin Juliane Bischoff
Projektleitung Anke Hoffsten
Projektorganisation Sonja Eschenbach
Produktion und Technik Michael Busam, Josef Köttl, Jürgen Goligowski, Ibrahim Özcan
Architektur Buero Kofink Schels: Simon Jüttner, Sebastian Kofink, Markus Stolz
Design Boy Vereecken und Antoine Begon
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Kirstin Frieden, Ilona Holzmeier, Thomas Zörr
Vermittlung Nathalie Jacobsen, Dirk Riedel, Thomas Rink, Elisabeth Schulte
Audioguide Nils Emmerichs, Bernhard Jugel
Mitarbeit Nils Emmerichs, Andreas Eichmüller
Medienpartner Deutschlandfunk Kultur
Partner*innen Benediktinerabtei St. Bonifaz München, Kulturreferat der Landeshauptstadt München, Programm „Kunst im öffentlichen Raum“, Ludwig-Maximilians-Universität München, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München
Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes
 

Danksagung  Wir danken allen Künstler*innen, Partner*innen, Leihgeber*innen und Unterstützer*innen, die durch ihre kreative Mitwirkung und großzügige Förderung zum Gelingen des Projekts beigetragen haben.

 

kurator*innen

Foto: Emily Gorner Shorefast

Nicolaus Schafhausen ist ein deutscher Kurator und Direktor. Seit 2011 ist er als strategischer Direktor für die kanadische Shorefast Foundation|Fogo Island Arts tätig. Schafhausen ist Künstlerischer Leiter der Ausstellung Tell me about yesterday tomorrow am NS-Dokumentationszentrum in München, die sich als eine Erweiterung zur Erinnerungsarbeit mittels zeitgenössischer Kunst versteht. Schafhausen kuratierte zahlreiche internationale Ausstellungen wie das Festival Media City Seoul 2010 und war als Kurator für das Dutch House auf der Expo in Shanghai 2010 tätig. 2007 und 2009 verantwortete er die Beiträge für den Deutschen Pavillon bei der 52. (Isa Genzken) und 53. (Liam Gillick) Biennale di Venezia sowie 2015 des Kosovo Pavillons auf der 56. (Flaka Haliti). Von Ende 2012 bis Anfang 2019 war Schafhausen Direktor der Kunsthalle Wien.

 

Foto: Orla Connolly

Mirjam Zadoff ist seit Mai 2018 Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München. Von 2014 bis Sommer 2019 war sie Inhaberin des Alvin H. Rosenfeld Chairs in Jewish Studies und Professor for Modern History an der Indiana University Bloomington. Sie hat in Wien studiert, in München promoviert und habilitiert, und hatte Gastprofessuren und Fellowships in Zürich, Berkeley, Berlin und Augsburg inne. Zadoff ist Autorin zahlreicher Artikel und der in mehrere Sprachen übersetzten Monographien „Der rote Hiob. Das Leben des Werner Scholem“ und „Nächstes Jahr in Marienbad. Gegenwelten jüdischer Kulturen der Moderne.“

Foto: Fabian Frinzel

Juliane Bischoff arbeitet als Kuratorin und Autorin. Von 2016 bis 2019 war sie in der Kunsthalle Wien tätig, wo sie u.a. die Ausstellung „Kate Newby. I can't nail the days down“ (2018) kuratierte; Gruppenausstellungen wie „How to Live Together“ (2017) und diskursive Programme wie die Diskussionsreihe „Political Futures“ (2018) co-kuratierte und organisierte. Zuvor war sie u.a. in Institutionen wie Kunsthalle Basel (2012) und Ludlow 38, Goethe-Institut New York (2015) tätig. Sie ist Herausgeberin der Publikationen „Kate Newby. I can't nail the days down“ (Sternberg Press, 2019) sowie Ineke „Hans. Was ist Loos?“ (Sternberg Press, 2017) und hat Katalogbeiträge für „Hui Ye. Keep Me Close to You“ (Sternberg Press, forthcoming), „Olena Newkryta. folding unfolding refolding“ (Sternberg Press, 2017) und 2015 (hrsg. von Vivien Trommer, MINI/Goethe-Institut Curatorial Residencies Ludlow 38, 2015) u.a. verfasst.

Tell me about yesterday tomorrow

Eine Ausstellung des NS-Dokumentationszentrums München über die Zukunft der Vergangenheit
28|11|2019–30|08|2020 

 

“The purpose of art is to lay bare the questions that have been hidden by the answers.” (James Baldwin)

 

Die Ausstellung Tell me about yesterday tomorrow bringt zeitgenössische Kunst in einen Dialog mit der Erinnerungsarbeit des NS-Dokumentationszentrums München. Werke von über 40 internationalen Künstler*innen beschäftigen sich vor dem Hintergrund der historischen Ausstellung mit der Deutung von Vergangenheit und deren Anknüpfung an unsere heutige Zeit. Die zu einem großen Teil neuen Arbeiten öffnen den Blick auf globale Lebensrealitäten, erweitern die deutsche Geschichte um internationale Perspektiven und spannen vielstimmige Erzählungen von Vergangenem und Zukünftigem auf. Vermittelt durch die Medien Malerei, Fotografie, Installation, Video oder Performance vermitteln Künstler*innen unterschiedlicher Generationen, aus der Zeit des Nationalsozialismus bis heute, vielgestaltige Bilder von Geschichte, die ebenso von individuellen Erfahrungen wie von strukturellen Zusammenhängen berichten. Dabei handelt es sich sowohl um ausgewählte künstlerischen Werke aus der NS-Zeit und der letzten Jahrzehnte sowie neue, eigens für diesen Kontext entworfene Arbeiten.

 

Wie bedeutsam die Geschichte für unsere Gegenwart und Zukunft ist, erfasste der Historiker John Henrik Clarke mit einem treffenden Bild: “History is a clock that people use to tell their political and cultural time of day. It is also a compass that people use to find themselves on the map of human geography. History tells a people, where they have been and what they have been, where they are, and what they are. Most important, history tells people where they still must go, what they still must be.” (John Henrik Clarke,1996)

 

Historische Ereignisse und unser Wissen darüber prägen unser Verständnis der heutigen Welt sowie unsere Vorstellungen von Zukünftigem. Gedenken im Sinne eines kollektiven Erinnerns ist eng mit den Erfahrungen von Gegenwart verbunden. Aus diesem Grund kann niemals eine abschließende Bilanz gezogen werden, und Geschichte muss immer wieder hinterfragt und neu kontextualisiert werden. Dabei stellen sich auch Fragen danach, wer Vergangenheit vor welchem Erfahrungshorizont deutet. Welche Geschichten werden erzählt und wessen Geschichten werden gehört – oder werden bewusst oder unbewusst verdrängt? Wie gehen wir mit Vielstimmigkeit und Ambivalenz um?

 

Die in Tell me about yesterday tomorrow versammelten Kunstwerke widmen sich einer Vielzahl von Themen: dem Wiedererstarken von Nationalismus, Rassismus oder Antisemitismus; der gewaltvollen Ausbeutung von Mensch und Natur, den kulturellen wie politischen Auswirkungen von Krieg, Unterdrückung und Trauma, sowie der Darstellung nationaler Mythen. Sie erzählen davon, wie gesellschaftliche Gruppen emotional mobilisiert werden, indem Ängste ebenso wie Sehnsüchte heraufbeschworen werden, wie Menschen als „Andere“ stigmatisiert und kollektive Narrative zugunsten politischer Ideologien vereinnahmt werden. Die internationale Perspektive der Ausstellung trägt der globalen Dimension dieser krisenhaften Erscheinungen Rechnung.

 

Für die Zukunft unserer Demokratien spielt Erinnerungskultur eine unerlässliche Rolle. Sie schafft nicht nur ein Bewusstsein für die historischen Bedingungen, die zu Ausgrenzung, Abwertung und Zerstörung führten, sondern auch für unsere Verantwortung, dass sich diese von Menschen geschaffenen und beeinflussten Prozesse nicht wiederholen. Vor dem Hintergrund des Erstarkens rechtspopulistischer, autokratischer und faschistischer Tendenzen weltweit ist die Reflektion von Geschichte wichtiger denn je. Es gilt, aus der historischen Erfahrung heraus Visionen für ein offenes, gesellschaftliches Zusammenleben zu entwickeln und dabei auf die positiven Werte zu verweisen, die seit der Überwindung der Diktatur entstanden sind – ein Potential, das Hannah Arendt als das größte und grundlegendste des Menschen verstand: die Fähigkeit zu überdenken, neu zu denken und etwas zu schaffen, was vorher nicht war.

 

Entstanden in enger Zusammenarbeit zwischen Kunst und Geschichtswissenschaft, adressiert Tell me about yesterday tomorrow die Komplexität von Geschichtsschreibung und bietet die Chance, deutsche Vergangenheit im Kontext internationaler Entwicklungen zu betrachten. Als Möglichkeit des politischen Denkens ergänzt die Kunst die historische Erinnerungsarbeit und bietet Reflektionen zur Bedeutung und Zukunft einer gemeinsamen, transnationalen Erinnerung an.

 

Der Blick zurück wird zum Blick nach vorn. Er verweist auf das, was einmal war und was sein kann – nicht als vereinfachende Gleichsetzung von historischen und gegenwärtigen Ereignissen, sondern um zu sensibilisieren, für das, was ähnlich ist und was wir aus der historischen Erfahrung lernen können. Insofern bietet die Ausstellung keine abgeschlossene, lineare Abhandlung an, sondern zeichnet ein komplexes Bild vergangener wie aktueller Wirklichkeiten. Dabei werden auch Ambivalenzen menschlichen Handelns oder diffuse Tendenzen spürbar, die sich noch nicht eindeutig benennen lassen. Tell me about yesterday tomorrow stellt Verbindungen zwischen Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem her, um daran zu erinnern, dass Geschichte immer nachwirkt und wir sensibel sein sollten, Ähnlichkeiten zu erkennen, damit sich Unheilvolles nicht wiederholt. 

projektteam

Direktorin Mirjam Zadoff
Künstlerische Leitung Nicolaus Schafhausen
Assistenzkuratorin Juliane Bischoff
Projektleitung Anke Hoffsten
Projektorganisation Sonja Eschenbach
Produktion und Technik Michael Busam, Josef Köttl, Jürgen Goligowski, Ibrahim Özcan
Architektur Buero Kofink Schels: Simon Jüttner, Sebastian Kofink, Markus Stolz
Design Boy Vereecken und Antoine Begon
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Kirstin Frieden, Ilona Holzmeier, Thomas Zörr
Vermittlung Nathalie Jacobsen, Dirk Riedel, Thomas Rink, Elisabeth Schulte
Audioguide Nils Emmerichs, Bernhard Jugel
Mitarbeit Nils Emmerichs, Andreas Eichmüller
Medienpartner Deutschlandfunk Kultur
Partner*innen Benediktinerabtei St. Bonifaz München, Kulturreferat der Landeshauptstadt München, Programm „Kunst im öffentlichen Raum“, Ludwig-Maximilians-Universität München, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München
Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes
 

Danksagung  Wir danken allen Künstler*innen, Partner*innen, Leihgeber*innen und Unterstützer*innen, die durch ihre kreative Mitwirkung und großzügige Förderung zum Gelingen des Projekts beigetragen haben.